1812 giordano

Paolo Giordano: Den Himmel stürmen
22,- Euro, Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-02533-5

Giordano, der mit seinem ersten Roman“ Die Einsamkeit der Primzahlen“ bekannt wurde, hat in diesem Buch wieder das Leben von Jugendlichen beschrieben, obwohl man ihnen hier für einen längeren Zeitraum von fast 25 Jahren folgt.
Der Hauptort der Handlung ist Speziale, ein kleiner Ort in Apulien.
Jeden Sommer verbringt Teresa dort zusammen mit ihrem Vater die langen Ferien im Haus ihrer Oma. Sie liebt es, dem nachzuspüren, was auch ihren Vater an diesen Ort bindet. Eines Tages begegnet sie den drei Jungen, Nicola, Tomaso und Bern, die auf dem benachbarten Hof leben. Besonders Bern übt von Anfang an eine Faszination auf Teresa aus, die sie auch über die folgenden Jahre nicht loslassen soll. Die vier Jugendlichen verbringen viele Stunden miteinander, sei es bei der Arbeit auf dem Hof oder bei den heimlichen Treffen mit anderen Jugendlichen an einer nahe gelegenen Bucht. Jedes Jahr fiebert Teresa dem Sommer mit den drei Jungen entgegen. Besonders ihre Liebe zu Bern und ihre heimliche zärtliche Beziehung, birgt gewisse Spannungen, sollen doch die anderen davon nichts bemerken. Und eines Sommers ist Bern plötzlich verschwunden. Erst viele Jahre später soll Teresa im Gespräch mit Tomaso und anderen Freunden erfahren, wie die Geschichte eine dramatische Wendung nahm…
Giordano beschreibt in einer atmosphärisch dichten und sehr eindrucksvollen Art einen handlungsreichen Roman. Er streift dabei viele Aspekte, Gedanken über den Glauben über das Verstehen der Welt. Auch Bücher und Literatur spielen dabei eine große Rolle, sei es die Bibel, die Bern in vielen Teilen auswendig kann oder andere philosophische Bücher, die seinen Glauben ins nihilistische verkehren. In allem beschreibt Giordano eine Radikalität, die seine Protagonisten an den Tag legen, die für den Leser oft verstörend und doch fesselnd ist.

Dieser Buchtipp stammt von Uta Birken aus der Buchhandlung Ida v. Behr, Im Alten Dorfe 31, 22359 Volksdorf,

Tel.: 040 / 603 12 86, Fax: 040 / 603 83 43, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.buecher-behr.com

1811 devigan

Delphine de Vigan: Loyalitäten,
978-3-8321-8359-2,
DuMont Buchverlag, 20,00 EUR.

Die beiden 12jährigen Klassenkameraden Mathis Guillaume und Théo Lubin finden Trost und Halt in ihrer Freundschaft und verdrängen die jeweiligen Konflikte bei ihnen zuhause, über die niemand spricht. Théos Eltern sind seit sechs Jahren geschieden und vermeiden jegliche Kommunikation miteinander, ihr Sohn lebt abwechselnd eine Woche bei der Mutter, dann wieder eine Woche beim Vater. Beide Elternteile haben mit sich zu kämpfen und lassen Théos mit seinen Bedürfnissen und Nöten allein. Die Last auf seinen Schultern, sein stummes Leiden, die Angst seine Eltern zu enttäuschen, werden mit jeder umgeblätterten Seite durch die eindringliche Erzählweise spürbarer.
Théos Freund Mathis kommt aus einem scheinbar heilen Elternhaus, doch auch hier offenbaren sich allmählich die Risse hinter der Fassade. Mathis Mutter Cécile ist eine unsichere, sehr angepasste Frau. Mit der Heirat ihres Mannes ist ihr zwar der Aufstieg in ein wohlhabendes, gebildetes Milieu gelungen, jedoch hat sie sich ihrem Ehemann stets untergeordnet. Nun gerät ihre Welt ins Wanken als sie auf ein dunkles Geheimnis ihres Mannes stößt und ihr Sohn eines Tages mit einer Fahne aus der Schule heimkehrt. Was als eine Art Spiel oder Mutprobe mit kleinen alkoholischen Trinkspielen in einem Versteck in der Schule beginnt, läuft schnell aus dem Ruder und steigert sich zumindest bei Théo zu einem schwerwiegenden Suchtproblem.
Zum Glück gibt es neben den beiden Jungen und Cécile noch eine 4. Protagonistin, Hélène Destrée, die Klassenlehrerin von Théo und Mathis. Sie bemerkt als Erste die schleichenden Veränderungen in Theos Verhalten und in seinem Erscheinungsbild und macht andere auf die Gefahr aufmerksam, die sie rund um Théo spürt. Trotz der fehlenden Unterstützung anderer Lehrer und des Schuldirektors, vertraut sie ihrer Intuition und versucht mit Théo und seiner Mutter Kontakt aufzunehmen.
Ein großartiger, sensibel erzählter Roman, der wach rüttelt für die Probleme von Kindern in Familien und an Schulen.

Dieser Buchtipp stammt aus der Buchhandlung Ida v. Behr, Im Alten Dorfe 31, 22359 Volksdorf,

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1809 wetzel elli

Maike Wetzel: Elly,
ISBN: 978-3-89561-286-2,
Schöffling Verlag, 20 Euro.

Für ihr Romandebüt "Elly" wurde die 1974 geborene Autorin zahlreicher Erzählungen und Drehbücher Maike Wetzel aus Berlin bereits mit dem Robert-Gernhardt-Preis und dem Martha-Saalfeld-Preis geehrt.

Elly ist ein elfjähriges Mädchen, das auf dem Weg zum Judotraining verloren geht, nur ihr Fahrrad wird gefunden, von dem Mädchen fehlt jede Spur. Ihre Eltern und die zwei Jahre ältere Schwester müssen mit der Ungewissheit weiterleben. "Meine Schwester ist tot. Ich traue mich kaum, das zu denken, weil ich weiß, dass mein Glaube genügt, um sie umzubringen. Elly hat nur noch uns. Unser Glaube hält sie am Leben."

Jedes Familienmitglied leidet auf seine Weise unter dem Verlust. Die Mutter Judith betäubt sich mit Psychopharmaka, der Vater Hamid stürzt sich in die Arbeit, betreibt umfangreiche Recherchen, beauftragt Detektive und organisiert Aktionsbündnisse, die pubertierende Ines schwankt zwischen Gefühlen der Abgeklärtheit, der Wut und der Sehnsucht. Dadurch dass abwechselnd aus den Perspektiven der drei Zurückgebliebenen in der ersten Person erzählt wird, kommt man den Gedanken und Gefühlen der Familienmitglieder sehr nah. Sie kreisen permanent um Elly. Den Alptraum der Ohnmacht beschreibt Maike Wetzel einfühlsam und schonungslos.

Kurze schnelle Sätze formen die Syntax der Sprach- und Fassungslosigkeit. Die Familie ist versehrt wie nach einer Amputation und doch hofft man, dass alles wird wie früher als sie noch ein Ganzes war.
Der Roman ist keine leichte Kost, doch wer psychologische Themen mag und vor den Abgründen der menschlichen Seele nicht zurückschreckt, wird ihn gebannt lesen und dabei Gänsehaut verspüren.
Vladimir Nabokov sagte angeblich einmal, dass man gute Literatur genau daran erkenne, dass es einem kalt den Rücken runterlaufe.

Dieser Buchtipp stammt aus der Buchhandlung Ida v. Behr, Im Alten Dorfe 31, 22359 Volksdorf,

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1810 soenmez

Burhan Sönmez: Istanbul Istanbul
ISBN: 978-3-442-75700-8
btb Verlag, 20 Euro

Eingepfercht wie Tiere hocken die vier Leidensgenossen im Istanbuler Gefängnis. Sie sind die Insassen einer der vielen Zellen, die sich aneinanderreihen wie Perlen an einer Kette. Schräg gegenüber sind ebenfalls Zellen. Menschenverachtend, zu klein, dreckig, ohne Betten, ohne WC, ohne Wasser, ohne Brot. Wenn die Tür aufgeht, heißt das entweder, dass noch jemand in dieses unwürdige Loch geschmissen wird oder, dass einer von ihnen zum Verhör abgeholt wird. Die vier Leidensgenossen, das sind Student Demirtay, der Doktor, Barbier Kamo und Kheylan Dayi. Sie sind unterschiedlich alt, haben ganz verschiedene Bildungsniveaus und sind hier, an diesem kleinen Fleckchen Erde, dennoch eine Gemeinschaft. Da draußen, im schönen Istanbul – oder doch zumindest im Istanbul „da oben“ – hätten sich ihre Wege aller Wahrscheinlichkeit nach nie gekreuzt, doch hier, im Elend, laufen die vier Lebenswege zusammen.
Burhan Sönmez hat mit „Istanbul, Istanbul“ einen schonungslosen, brutalen Roman verfasst, der dennoch nicht ohne Schönheit ist. Die Sprache ist orientalisch-blumig in ihren unschuldigsten Momenten. Dann nämlich, wenn die Gefangenen einander (und vor allem sich selbst) Geschichten erzählen, Parabeln, Weisheiten, um nicht verrückt zu werden in dieser Hölle. Sie erzählen gegen die Angst, denn wenn sie schweigen, kommen die Gedanken. Daran, was mit dem Mädchen von gegenüber ist, auf deren blutige Unterlippe und zugeschwollenes Auge der Student Demirtay einen Blick erhaschen konnte. Daran, was mit den Lieben zu Hause ist. Daran, was wohl heute die perfiden Folterideen der enthemmten Wächter sein könnten. Und vor allem daran, wer als nächster abgeholt werden könnte. Ans Rauskommen denkt keiner mehr. Das Überleben im Gefängnisalltag erscheint absurderweise extrem wichtig, obwohl das Überleben ja keinerlei Aussicht auf Verbesserung des Zustandes bietet. Dennoch: Es liegt wohl in der Natur des Menschen, auch in der Hölle noch einen Überlebenswillen zu entwickeln.
Sönmez' Buch ist desillusionierend, trotz seiner schönen Zwischenstücke. Das kommt nicht von ungefähr, schließlich hat Sönmez selbst Höllisches am eigenen Leibe erfahren. Als Mitglied des türkischen Menschenrechtsvereins IHD und Gründungsmitglied der Stiftung TAKSAV wurde er 1996 bei Übergriffen durch die türkische Polizei schwer verletzt.

Dieser Buchtipp stammt aus der Buchhandlung Ida v. Behr, Im Alten Dorfe 31, 22359 Volksdorf,

Tel.: 040 / 603 12 86, Fax: 040 / 603 83 43, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.buecher-behr.com

1808 Hochhaus

Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin,
ISBN: 978-3-446-26039-9,
Hanser Verlag, 19 €.

Der Debütroman von Julia von Lucadou scheint das Schicksal der talentierten Hochhausspringerin Riva zu behandeln, die aus unerklärlichen Gründen ihre Profession des Flydiving einstellt. Die Psychologin Hitomi wird von der Sponsorenfirma beauftragt, die Gründe für die Arbeitsverweigerung herauszufinden und schnellstmöglich die Heilung der scheinbar kranken Riva in die Wege zu leiten.
Hitomi stürzt sich sogleich in die Arbeit, denn von ihrem Erfolg hängen auch ihr Einkommen und der Status in ihrer Firma ab. Stundenlang beobachtet sie Riva durch versteckte Echtzeitkameras und taucht bei Recherchen von Blogeinträgen und Datenaufzeichnungen über Rivas Tätigkeiten in deren Leben ein. Sie verstrickt sich immer mehr in ihre passionierte Aufgabe. Dabei erinnert sie sich vermehrt an ihre Jugendfreundin Andorra, deren damals plötzliches Verschwinden sie immer noch nicht verkraftet hat.
Erst als sie den Blogger Zarnee entdeckt, scheint er eine denkbare, hilfreiche Lösung für Rivas Heilung zu sein.
Julia von Lucadou ist mit diesem Debut ein hochspannender, aber auch bedrückender, dystopischer Roman gelungen, der den Leser nachdenklich zurücklässt mit den Fragen, wohin die gläserne digitale Präsenz uns führen wird.

Dieser Buchtipp stammt von Uta Birken aus der Buchhandlung Ida v. Behr, Im Alten Dorfe 31, 22359 Volksdorf,
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